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Hilfe, mein Mann ist schwul!

Vom emotionalen Supergau zur Gestalterin des eigenen Lebens

Was passiert, wenn die Partnerschaft auf einmal auseinandergeht, weil der Mann feststellt, dass er schwul ist?

Ich begrüße Dagmar zum Shame Off Gespräch. Sie erzählt ihre Geschichte, oder, ganz wichtig, einen Teil ihrer Geschichte, die mit der Homosexualität ihres Mannes oder eher gesagt Exmannes zu tun hat.

„Ich glaube, aus heutiger Sicht habe ich von 27 Jahren knappe 20 Jahre eine heterosexuelle Beziehung mit einem über die Jahre zunehmend weniger latent homosexuellen Mann gelebt. Es hat mich ganz ordentlich durchgeschüttelt und geprägt, aber auch zu der Frau gemacht, die ich jetzt bin.“ 

Katja: „Möchtest du mit ein paar einleitenden Worten kurz was zu deiner Geschichte erzählen?“

Dagmar: „Ja, gerne. Und zwar möchte ich einen kleinen Vorspann halten zu meiner Geschichte, weil mir ganz wichtig ist, dass das Thema, um das es heute in deinem Podcast gehen wird, ein Teil meiner Geschichte ist. Es war ein Teil meiner Geschichte. “

Katja: „Wie lang ist das denn her? Also wann seid ihr zusammengekommen und wann habt ihr geheiratet?“

Dagmar: „Wir haben uns 1981 mit 16 Jahren kennengelernt und ziemlich schnell ineinander verliebt. Da wir beide noch jung waren, hat jeder von uns noch seine theologische Ausbildung hinter sich gebracht. Dann haben wir 1989 geheiratet. Da war mein Mann schon ein Jahr in Österreich. Er hat dort eine Stelle angenommen und ich bin ihm gefolgt. Die meisten Menschen interessiert es sehr, ob wir denn eine ganz normale Ehe gelebt haben. Und ja, das haben wir. Wie kommt man denn dazu? Zwei Kinder mit einem homosexuellen Mann? Ja, wir hatten ganz normal Sex und nicht nur zweimal, sondern mit ganz normalem Sex. Weniger normal war, dass mein Mann über die Jahre einzelne gleichgeschlechtliche Kontakte hatte. Zuerst, als unser erster Sohn noch wenige Monate alt war, dann sechs Jahre später. Es gab auch nie dieses richtige Coming Out. Im Nachhinein habe ich dann einen Termin festgelegt, ab dem er mehr bei seinem Freund war, als bei mir und dann habe ich mich der Ehe nicht mehr länger verpflichtet gefühlt. So haben wir dann unsere Beziehung beendet.“

Katja: „Das heißt, dass du diejenige warst, die diesen Entschluss gefasst hat? Du warst diejenige, die aktiv geworden ist und gesagt hat, dass es so nicht mehr geht?“

Dagmar: „Ja, so war es. Das war aus dem Grund so, weil es für meinen Mann damals eine Zeit gab, wo er noch dachte, er bekomme das irgendwie hin. Für mich war das auch aus verschiedenen Gründen wünschenswert, wegen der Familie und dem Beruf. Ich wollte eben nicht, dass die Familie auseinanderbricht.“

Katja: „Erinnerst du dich noch daran, was damals deine ersten Gedanken waren, als es diese Kontakte zu anderen Männern das erste Mal gab? Wie kann man sich das vorstellen?“

Dagmar: „Es gab nicht diesen einen Moment, wo ich es erfahren habe. Es war bei mir eher ein anderer Moment, der mir dann im Grunde genauso wie in den anderen Fällen den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Nämlich der Moment, als ich realisieren musste, dass es kein Thema mehr ist, das wir gemeinsam lösen können. Das war schlimm für mich. Der Moment, der mich aus dem Leben geschmissen hat, war, als ich gemerkt habe, dass mein Mann an einem Punkt ist, wo er unweigerlich herausfinden muss, was er möchte. Was will er eigentlich? Ist er eigentlich heterosexuell oder homosexuell? Was heißt es für ihn? Und dann habe ich gemerkt, dass er ganz bewusst Kontakt zur Schwulenszene suchte, sich einen neuen Freundeskreis aufbaute, zu dem ich dann keinen oder kaum mehr Zugang hatte.
Das war vermutlich der Moment, wo ich gemerkt habe, dass diese Neigung niemals nur in Anführungszeichen eine sexuelle Fantasie ist, die zwar zwischendurch mal als Ausrutscher gelebt wurde, sondern dass ich eigentlich nicht mehr an dem festhalten kann und darf, was uns als Paar verbunden hatte. Da waren Gefühle von Verzweiflung, totale Verzweiflung. Auch von Scham können wir nur reden. Von Existenzangst. Er war meine erste und einzige Liebe in all den Jahren. Ich habe nie vorher jemanden geliebt und währenddessen niemanden geliebt und die ganze Zeit danach auch niemanden. Der für mich wahrscheinlich schrecklichste Moment war eigentlich immer der, wenn ich in der Nacht ins Bett neben mich gegriffen habe und gemerkt habe, dass da keiner ist. Irgendwann war er dann auch kurz vor einem Burnout und hat gesagt, er will nicht mehr verheiratet sein.“

 
Katja: „Das ist allein beim Zuhören so heftig, dass es mir gerade wirklich schwerfällt, die nächste Frage zu stellen und dazu auch etwas zu sagen. Aber das, was da schnell passiert, ist, dass der Blick auf den Mann kommt. Und darum geht es einfach nicht, weil jetzt geht es darum, den Blick auf dich zu richten, den Blick auf die Frau zu richten. Vor allem wenn du dachtest, es wäre auch deine eigene Schuld. Dass da Scham mit verbunden ist.Wobei man hier überhaupt nicht von Schuld sprechen kann. Ist das etwas, was du immer wieder erlebst, wenn du mit anderen Frauen über ihre Geschichte sprichst oder sie einfach dann auch berätst?“


Dagmar: „Ja, total. Das ist tatsächlich ein wesentlicher Teil meiner Arbeit und ich werde nicht müde, es zu sagen. Den Frauen zu sagen, dass die Homosexualität des Mannes sein Thema ist und nicht deins. Du bist natürlich stark davon beeinflusst oder betroffen, aber es ist sein Thema und das muss er für sich lösen. Allerdings zeigt sein Thema dir deine Themen auf. Das ist der Punkt, wo wir als Frauen ins Handeln kommen können. Wir verkämpfen uns oft an der Stelle, wo es nichts zu kämpfen gibt, nämlich wenn es um die Sexualität geht. Da können wir nichts machen und übersehen dabei, dass wir an ganz vielen anderen Punkten sehr viel Gestaltungsprozess hätten, nämlich an unserer eigenen Entwicklung und an unseren eigenen Themen, die durch das, was da gerade beim Mann passiert, bei uns an die Oberfläche kommen. Dieses Gefühl, er will mich nicht, er will mich nicht mal als Frau und auch als Person nicht. Ich sage immer, es war Segen und Fluch gleichermaßen. Fluch: Ich konnte mit niemandem konkurrieren. Segen: Ich musste mit niemandem konkurrieren.“

Katja: „Da entstehen im Kopf des Gesprächspartners sofort Bilder. Als wird man als Frau auch geoutet, nur weil der Mann sich outet. Wie war denn die Angst, was andere denken könnten?“

Dagmar: „Das erste Gefühl war natürlich Scham. Erstens mal deswegen, weil wir ja sehr christlich sozialisiert waren und es da heißt, bis dass der Tod uns scheidet. Das Ziel war, dass man zusammen bleibt.
Das ist schon mit Scham behaftet. Da kommen dann auch Fragen auf. Was stimmt denn da vielleicht mit mir nicht? Wieso passiert ausgerechnet mir das? Was ist falsch mit mir? Dass sich überhaupt so ein Mann mir zuwendet?“ 

Katja: „Du hast ganz am Anfang gesagt, dass das ein Teil deiner Geschichte ist, der heute dein Leben nicht mehr prägt und nicht mehr den Einfluss drauf hat. Das waren schon die klaren Worte, dass du da wirklich den Weg raus gegangen bist, dich befreit hast, dich gestärkt hast, Chancen erkannt hast. Erzähl von deinem Weg. Wie hast du es geschafft, da rauszukommen?“

Dagmar: „Also es gab eigentlich zwei besondere Momente. Der eine war, dass mir irgendwann ganz klar war, dass ich unter allen Umständen die Gestalterin meines Lebens sein muss. Dass ich mir jetzt nicht das Heft aus der Hand nehmen lassen darf. Dass ich eben noch weitere Kapitel schreiben kann in diesem Lebensbuch. Der zweite Moment war, dass mir klar wurde, was das alles für meine Jungs heißt. Was sehen die da? Eine Frau als ihre Mama, die jetzt zu all dem Ja und Amen sagt, nur damit nicht alles völlig auseinanderbricht. Die zwei Dinge waren die Auslöser, um auch mal andere Möglichkeiten und Freiheiten sehen zu können.
Ich bin wieder ich selbst geworden. Ich bin wieder zu einer ganzen Person geworden und habe diese Schritte nach vorne gemacht und aktiv gestaltet.“

Katja: „Ich würde sagen, dass du möglicherweise dadurch mehr gewachsen und weiter gekommen bist, als wenn du in der Situation geblieben wärst, oder?“

Dagmar: „Ja. Ich bin ganz geworden. Ich war 16 Jahre alt, als ich ihn kennengelernt habe und in all den Jahren gab es nur diesen einen Mann Ich war wirklich zu 100 Prozent im Treuemodus. Ich hab nicht mal gesehen, wenn mich jemand angesehen hat. Nur deswegen konnte ich auch glauben, dass kein Mensch sich jemals nach mir umdrehen würde.“

Katja: „Man sagt auch immer wieder, dass sich Tiefschläge im Leben oft als Geschenke entwickeln. Wie siehst du das?“

Dagmar: „Also im Grunde hat mich diese Sache aus meiner Komfortzone buchstäblich herauskatapultiert und ich bin oft auf die Schnauze gefallen und hab mir echt einige Blessuren geholt. Aber auf der anderen Seite hab ich es wahrscheinlich vielleicht sogar gebraucht. Ich bin quasi wieder die Herrin in meinem Leben.“

Katja: „Was glaubst du denn? Wie ist es möglich für eine Frau, diesen Weg ganz alleine zu gehen? Sich so zu befreien und sich selbst zu lieben? Ist es möglich für eine Frau alleine oder braucht sie einen Mann dazu, der ihr da hilft?“

Dagmar: „Als ich die Frage gelesen habe, die du mir im Vorfeld gestellt hast, habe ich gemerkt, wie mir der Gedanke, dass man einen Mann dazu brauchen könnte, nicht gefällt. Ich habe gemerkt, wie sich da innerlich etwas gesträubt hat, weil ich dachte, es kann nicht sein, dass das anders nicht zu heilen wäre. Und ich bin ehrlich gesagt auch davon überzeugt, dass es anders zu heilen ist.

Wir brauchen, um ganz zu werden, uns selbst und alles andere kann dann noch, wenn man möchte, Sahnehäubchen sein.“

Katja: „Was würdest du denn den Frauen raten, die jetzt gerade zuhören und die vielleicht dieses Gefühl haben, das alles könnte auch in ihrer Beziehung ein Thema sein?“

Dagmar: „Trau deinem eigenen Gefühl, trau deiner eigenen Wahrnehmung. Ich wurde auch immer wieder gefragt, ob es denn eindeutige Hinweise gibt, woran man erkennen könnte, dass der Mann schwul ist. Es gibt Hinweise, die sich im Laufe der Zeit unter Umständen zeigen, aber aus meiner Sicht gibt’s einen, der wirklich eindeutig ist und das ist der Moment, wo die Frau sich denkt, ob es sein könnte, dass der eigene Mann schwul ist. Eigentlich kommt einem selbst sowas nicht in den Sinn. Man muss es von allein hinterfragen.“

Katja: „Wie ist das denn, wenn man mit dir arbeiten möchte? Wie kann man sich Rat und Hilfe bei dir holen?“

Dagmar: „Man macht sich mit mir ein kostenloses Orientierungsgespräch aus. Das findet man auf meiner Website. Die ist bei den Shownotes verlinkt. Bevor man zu diesem Termin kommt, gibt’s einen Fragebogen, der alleine schon ein super Coaching ist. Das sagen die Frauen immer wieder, weil sie sich klarmachen, wo sie gerade stehen. 

Dann ist es in den meisten Fällen so, dass wir über 5 Monate miteinander arbeiten.“ 

Katja: „Wie fantastisch, dass es dich gibt mit deinem tollen Angebot. Denn was ich auch schon gehört habe, ist, dass es so viele Angebote für Männer gibt, die feststellen, dass sie homosexuell sind und nicht in der richtigen Beziehung sind. Aber es gibt gar nicht so viel für Frauen und du fängst das auf mit so viel Erfahrung. Danke Dagmar, dass du heute hier warst zum Shame Off Gespräch!“

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